Tigray – Wandern in den roten Sandsteinbergen in Äthiopien

Tigray, Äthiopien – Genau sechs Jahre und sechs Tage ist es nun her, dass ich zum letzten Mal hier gewesen bin. Seither habe ich immer wieder diese Landschaften vor Augen, weil sie so einzigartig für dieses Land sind. Äthiopiens äußerster Norden überwältigt den Besucher mit roten Bergen aus Sandstein. Die weiten Plateaus geben immer wieder Fernsichten preis auf riesige Tafelberge und nadelförmige Felssäulen, die dieser Landschaft hier ihr einmaliges Antlitz verleihen. Die bis zu 400 Meter hohen Steinmonolithe erinnern mich etwas an den mittleren Westen der USA, besonders wenn sich das Morgenlicht über die Berge legt und die Landschaft in ihrer Morgenröte liegt. Meine Sehnsucht war immer groß hierher zurückzukehren, um nochmals intensiv diese Landschaften zu erleben. Hier bin ich nun, auf einer meiner schönsten Reisen der letzen Jahre!

Äthiopien TigrayAm Fuße der Agame Berge eröffnet sich die weite Gheralta Ebene mit Fernsichten bis in die 300 Kilometer entfernten Simien Berge | Foto: Christian Sefrin

Mein Bus stoppt in Adigrat einer Kleinstadt unweit der eritreischen Grenze. Vor zwei Stunden bin ich in Axum gestartet. Mittlerweile sind die Straßen hier gut ausgebaut und unzählige Minibusse verkehren zwischen diesen beiden Orten. Axum ist eine der heiligsten Städte Äthiopiens, da sich der Legende nach die Bundeslade in einer der Kirchen der Stadt befindet und sich in der äthiopischen Frühzeit hier die Hauptstadt eines Reiches befand, welches den Grundstein für den tiefen christlichen Glauben vieler Äthiopier legte. Ich kenne die Ruinen, Gräber und Kirchen der frühchristlichen Äthiopier von früheren Besuchen und mache mich nach meiner Ankunft deswegen direkt auf zum Busbahnhof Richtung Adigrat. Mein Ziel dieser Reise durch das äthiopische Bundesland Tigray ist diesmal das Wandern durch die Agame und Gheralta Berge südöstlich von Axum.

Tigray ÄthiopienDie Gheralta Ebene mit ihren markanten Tafelbergen und Kandelaberbäumen | Foto: Christian Sefrin

Die Kleinstadt Adigrat ist der perfekte Ausgangspunkt für eine Trekkingtour durch abgelegene Berglandschaften über Hochplateaus und hinab in tiefe Täler, manchmal übernachtet man alleine unter endlosem Sternenhimmel und manchmal inmitten idyllischer äthiopischer Bergdörfer unter Bauern. Ich treffe meinen Führer Kiros Zeray im Zentrum von Adigrat in einem gemütlichen Café unter Akazienbäumen. Es gehört mit zur äthiopischen Kultur bei einer Tasse traditionellem äthiopischen Kaffee sich auszutauschen und sich kennenzulernen. Wir besprechen die Wanderung und planen gemeinsam ihren Ablauf. Ich bin mir jetzt schon sicher, dass ich in ausgezeichneten Händen und mit einem erfahrenen Führer unterwegs sein werde. Schon nach wenigen Sätzen spüre ich, dass Kiros und ich uns noch vieles zu erzählen haben werden, wenn wir erst einmal unterwegs sind.

Das Organisatorische übernimmt Kiros während ich am Stadtrand meinen Tag in der Agoro Lodge ausklingen lasse. Die Lodge wird von der Lokalbevölkerung betrieben und ihre Gewinne fließen ausschließlich in soziale Projekte, erzählt mir Ato Desta der Geschäftsführer der Unterkunft. Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie schwierig es ist gemeindebasierten Tourismus in Äthiopien zu verankern und dass es hier nun schon seit einigen Jahren erfolgreich klappt, macht Desta stolz. Von der Veranda blicke ich schon hinauf nach Enaf auf über 3.000 Metern, wo sich unser erstes Gästehaus für den morgigen Abend befindet. Nach einem sanften Schlaf in den traditionellen Steinbungalows der Lodge steht am nächsten Morgen schon Kiros mit Habte und dessen Esel vor der Tür. Die Wanderungen finden hier auf Wunsch mit Esel und Eseltreiber statt. Das erleichtert die Wanderungen nicht nur ungemein, sondern sorgt auch für gute Laune.

Tigray ÄthiopienUnser Eseltreiber Habte beim Beladen des Tieres | Foto: Christian Sefrin

Schon beim Bepacken des Lasttieres singt Habte fröhlich vor sich hin und ist voller Vorfreude als würde er die Tour zum ersten Mal machen. Zu dritt ziehen wir schließlich los hinauf in die Berge. Die erste Etappe ist die mühsamste, denn wir müssen um von der Agoro Lodge bis zum Enaf Gästehaus zu gelangen heute fast 800 Höhenmeter zurücklegen. Doch die Zeit verfliegt und es liegt nicht zuletzt an der Guten Laune, die Habte und Kiros ausstrahlen. Wir rasten und legen kleine Verschnaufpausen ein an wunderschönen Stellen mit traumhaften Rückblicken in die Ebene, in der die Kleinstadt Adigrat liegt. Die Tagesetappen hier bei den Wanderungen in Tigray sind mit vier bis fünf Stunden je nach Kondition und Anzahl der Pausen auch recht moderat und gut zu bewältigen. Schon um die späte Mittagszeit erreichen wir unser erstes Gästehaus in Enaf. Es liegt direkt an der Spitze eines Hochplateaus und zu unseren Füßen erstrecken sich die tiefer gelegenen Plateaus bis zum Horizont. In weiter Ferne ist sogar schon das markante Gheralta Bergmassiv zu erkennen.

Tigray ÄthiopienUnser ersten Gästehaus Enaf mit Blick über die Agame Berge | Foto: Christian Sefrin

Während wir bei einer Tasse Schwarztee und leckerem äthiopischem Brot auf der Dachterrasse unseres kleinen Gästehauses sitzen, weiht mich Kiros ein in die Jahrhunderte alte Geschichte der Region hier, in eine Zeit als die äthiopische Kirche noch weite Landstriche kontrollierte und der Reichtum der christlichen Königreiche Äthiopiens auf dem Salzhandel bestand. Das weiße Gold, welches auch heute noch in der benachbarten Danakil Wüste abgebaut wird erreichte auf dem Rücken der Kamele nach tagelangen Wanderungen schließlich die Hochländer Tigrays und wurde für die Händler hier zu ihrem wichtigsten Handelsgut, was ihnen Reichtum bescherte. Wir wandern in den nächsten Tagen immer wieder auf diesen alten Karawanenwegen, vorbei an Dörfern wie Idega Hamus, was übersetzt Donnerstags Markt bedeutet.

Tigray ÄthiopienIn den tieferen Bergregionen ist es deutlich grüner – Kandelaberbäume zwischen den Feldern säumen unseren Weg | Foto: Christian Sefrin

Am nächsten Morgen belädt sich der Esel fast wie von selbst. Habtes Handgriffe sind gekonnt. Fein austariert, damit die Last auch gleichmäßig verteilt ist und für das Tier angenehm zu tragen. Unser heutiger Wandertag führt uns hinab in die flache Tiefebene, die gestern noch zu unseren Füßen lag. Ich frage mich, wie wir diese senkrechten Wände eigentlich hinunterkommen möchten, aber Kiros kennt den Weg entlang kleiner Pfade immer entlang der roten Wände des Sandsteins. Am Boden des Tales angekommen findet sich eine viel kultiviertere Landschaft als auf dem Hochplateau. Ein kleiner Bach flutet durch dieses Seitental zwischen den Plateaus und die Bauern nutzen das Wasser zur Bewirtschaftung der sehr trockenen Ländereien. Besonders nach der Regenzeit im Oktober taucht der Besucher hier ein in eine bunte Oase, in der die kleinen Feldparzellen von oben betrachtet aussehen wie ein endloses Schachbrett aus Grün und Gold, den Farben des Getreides in verschiedenen Reifestadien.

Tigray ÄthiopienDas Gästehaus Gorgot – alles ist vorhanden: Neben drei Gästezimmern gibt es zwei Aufenthaltsräume, Eimerusche und Klo | Foto: Christian Sefrin

Majestätisch anmutend sind die Täler nun eingerahmt von den roten Wänden. Im Kontrast zum Grün der Felder und den Kandelaberbäumen ergeben sich tolle Fotomotive aus dieser neuen Perspektive. Kiros zeigt in die steile Felswand auf ein Bauwerk. Fast unzugänglich, nur über Leitern erreichbar befindet sich in diesen Wänden eine orthodoxe Kirche aus dem Mittelalter mitten in den Stein geschlagen. Die Bergländer hier sind auch der Quell der Ausbreitung des orthodoxen Christentums in Äthiopien. Nachdem es am Hofe von Axum alleine vom Hochadel praktiziert wurde, waren es die Erbauer und Priester der Felsenkirchen hier im Tigray, die das Christentum als Volksreligion schicklich machten. Entlang der hoch frequentierten Routen errichteten sie wundersame Felsenkirchen in den blanken Fels und mehr und mehr Menschen wohl heidnischer Gesinnung bekannten sich zur neuen Religion. Und so wandeln wir in den nächsten Tagen auch auf den Spuren der ersten Christen Äthiopiens.

Unser heutiges Gästehaus Gorgot liegt etwas erhöht über dem bewirtschfteten Tal, aber immer noch am Fuße der Berge. Direkt hinter dem Haus erhebt sich der Sandstein etwa 150 Meter über uns und thront über unserer heutigen Unterkunft. Unser Wandertag war recht moderat und nachmittags bleibt noch genügend Zeit einmal in dieser tollen Landschaft zu einem Buch zu greifen und etwas zu dösen, denn die Nacht könnte heute etwas länger werden. Laut Mondkalender ist heute Neumond und somit optimale Bedingungen zur Sternenbeobachtung. Und tatsächlich: die Nacht ist sternenklar und vom Hausdach aus kann man tatsächlich das unendliche Sternenzelt bestaunen.

Die Fortsetzung findet Ihr hier.

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