Tigray – Die Felsenkirchen von Gheralta

Im letzten Blogbeitrag habe ich Euch unter dem endlosen Sternenhimmel ganz alleine gelassen und eine Fortsetzung eines ergreifenden Wanderurlaubs durch Nordäthiopien versprochen.

Die weite Ebene von Gheralta eröffnet sich am dritten Tag unserer Tour plötzlich vor uns. Vom Gorgot Gästehaus sind wir die letzten fünf Stunden durch flaches sandiges Gelände gewandert. Schließlich erreichen wir das Ende des Flusstales und gelangen zu einer kleinen Piste. Hinter uns die steil aufragenden Bergmassive der Agame Höhenzüge und vor uns die endlose Weite des Gheralta Plateaus.

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Die weißen und roten Sandsteine tauchen die Gheralta Ebene in zauberhafte Farben | Foto: Christian Sefrin

Eine derartige Landschaft in Ähiopien zu erleben ist einzigartig. Ein Großteil des Landes ist bergig und immer wieder eingeschnitten von tiefen Flusstälern. Ganz anders ist die Ebene von Gheralta – von unserem gegenwärtigen Standpunkt überblicken wir ein riesiges Plateau aus Sandstein. Richtung Süden lassen sich die Bergrücken erst in fast dreißig Kilometer Entfernung erkennen und in westlicher Richtung scheinen dem Horizont keine Grenzen gesetzt zu sein. Am fernen Ende der Sichtgrenze spitzen einzelne Felsnadeln in die Höhe, die sechzig Kilometer entfernten Adua Berge bei Axum.

Tigrays geologische Vergangenheit gestaltete diese andersartigen Landschaftsformen. Die Hochebene hat mehr einen Anklang vom wilden Westen als von Äthiopien – eine chaotische Landschaft aus spitzen Felsnadeln und flachen Tafelbergen geformt aus rotem und weißem Sandstein. Sie sind die Überbleibsel eines Sandsteinplateaus, welches stetig durch das Wasser erodiert wurde. In ein paar Millionen Jahren jedoch, werden auch diese Berge verschwunden sein.

Gheralta Äthiopien

Die charakteristischen erodierten Sandsteinpfeiler beherbergen die Abuna Yemata Felsenkirche | Foto: Christian Sefrin

Doch Tigray ist nicht nur eine Gegend mit einer beeindruckenden Schönheit, sondern  auch mit einer großen kulturellen, religiösen und historischen Bedeutung. Denn versteckt in den Bergen liegen hier mehr als einhundert Felsenkirchen, die die frühen Christen Äthiopiens hier in den weichen Sandstein gemeißelt haben. Alleine etwa 35 derartige Höhlenkirchen gibt es in der Geralta Region.

Die letzten Kilometer bis zum Ausgangspunkt meiner Kirchenbesichtigungen legen mein Guide Kiros und ich auf einem Motorrad zurück. Die staubige geradlinige Piste bis ins kleine Dorf Hawzien zu wandern, scheint nicht mehr so attraktiv, als zwei Motorräder in der Mittagshitze bei 33 Grad stoppen und uns anbieten uns mitzunehmen. Der kleine zehntausend Seelen Ort Hawzien hat sich in den letzten Jahren zu dem wichtigsten Touristenort für Ausflüge in die Region und zu den Felsenkirchen etabliert. In einem der zahlreichen Dorfrestaurants verabschiede ich mich von Kiros, während wir bei einer Portion tibs, einer Art äthiopischem Geschnetzeltem aus Ziegenfleich und dem Fladenbrot injera, nochmals über die schönen Wanderungen der letzten Tage sinnieren.

gheralta Lodge

Die Gheralta Lodge ist optimaler Ausgangspunkt für Exkursionen und eine der besten Lodges des Landes | Foto: Christian Sefrin

Die am Ortsrand wunderschön mit Ausblick gelegene Gheralta Lodge ist die erste Wahl, wenn man hier komfortabel absteigen möchte, aber auch für den kleineren Geldbeutel gibt es heute zahlreiche Möglichkeiten im Ort unterzukommen und Hawzien für Ausflüge einige Tage zu seiner Basis zu ernennen. Es empfiehlt sich, sich zu erkundigen, welche der Kirchen man aufsuchen möchte. Ich gönne mir einen Rast- und Lesetag auf der Terrasse der Gheralta Lodge, um mir einen Plan für die nächsten Tage zu überlegen. Bei einer Auswahl an über 30 Kirchen in der Gheralta Region, könnte man hier Wochen und Monate verbringen, bis man sie alle gesehen hat. Schnell wird klar, dass ich mich fragen sollte welches Interesse ich verfolge. Einige kirchenhistorisch bedeutende Gotteshäuser liegen unmittelbar entlang der Straßen und lassen sich unkompliziert besuchen. Wege sind kurz und einfach zu begehen. Andere Kirchen sind nur über waghalsige Kletterpassagen zu erreichen oder liegen abseits befahrbarer Pisten, so dass man einige Stunden Wanderung einplanen sollte. Letztendlich entscheide ich mich für eine Mischung aus Abenteuer, Wandern und religiöser Wichtigkeit und entschließe mich der Abuna Yemata Guh Kirche einen Besuch abzustatten.

Am nächsten Morgen nehme ich ein Bajaj, so heißen die blau-weißen Tuk Tuks hier in Äthiopien. Vom zentralen Kreisverkehr in Hawzien bringt mich der Fahrer Yohannes bis kurz hinter Megab, einem Dorf direkt am Fuße des Gheralta Massivs. Von hier zweigt eine kleine Piste links ab zur Westseite des Tafelberges. Die luftige Reise mit Yohannes Bajaj, durch dessen offene Fenster es bei Höchstgeschwindigkeiten von bis zu 50 km/h auf der leicht abschüssigen Strecke kräftig windet, endet hier. Ich packe meinen Rucksack auf den Rücken und beginne meine Wanderung zu einer der abenteuerlichsten Felsenkirchen Äthiopiens.

gheralta Äthiopien

Mit einem Bajaj geht es zu den Kirchen in Gheralta | Foto: Christian Sefrin

Der Zuweg ist noch einfach, aber die Sandsteinsäulen, die ich nach etwa dreißig Minuten erreiche wollen noch erklommen werden, denn die Abuna Yemata liegt hoch oben verborgen in einer Nische zwischen zwei Pfeilern aus rotem Sandstein. Den Weg hinauf findet man nicht, wenn man ihn nicht kennt, aber man hat schnell viele Begleiter, die einem gekonnt die Tritte und Griffe in der Wand zeigen, um sie langsam hinauf zu kommen. Immer wieder gibt es die Möglichkeit auf kleinen Simsen zu rasten und die Aussicht zu genießen. Nur herunterschauen sollte man nicht, denn man ahnt, den selben Weg später auch wieder runter klettern zu müssen – nicht unbedingt ein einfacheres Unterfangen. Aber die Motivation dieses Juwel unter den Felsenkirchen von Tigray mit eigenen Augen zu sehen, treibt mich an, meine Höhenangst zu unterdrücken.

Abuna Yemata Felsenkirche

Durch ein kleines Fenster gelangt man hinein in die Felsenkirche | Foto: Christian Sefrin

Schließlich erklimmt man nach etwa einhundert Metern vertikalem Aufstieg ein winziges Plateau, aber der Kircheneingang befindet sich immer noch einen Steinwurf entfernt von hier. Man erreicht ihn nur wenn man die letzte waghalsige Prüfung dieses Aufstieges besteht – über einen etwa drei Meter langen nur fünfzig Zentimeter breiten Felsvorsprung zu balancieren, an dessen linken Rand die Steilwand etwa 150 Meter in die Tiefe stürzt. Konzentration ist gefragt, aber dann betritt man eine der schönsten Kirchen des Tigray. Das kleine Kircheninnere ist dem Heiligen Abuna Yemata gewidmet, einem der neun syrischen Heiligen, die maßgeblich an der christlichen Missionierung Äthiopiens im 5. Jahrhundert beteiligt waren. Die Wände und die kleine Kuppel im Kircheninnern sind farbenprächtig mit Grün, Weiß, Rot und Ocker getüncht und bilden Szenen aus dem Leben der Heiligen ab. Schenkt man den Aussagen der Priester hier Glauben, dann entstammt auch der Kirchenbau aus dieser Zeit.

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Malereien, die die neun syrischen Heiligen abbilden geben Wissenschaftlern Erkenntnisse, wann die Felsenkirche erbaut wurde | Foto: Christian Sefrin

Äthiopiens Kirchenhistorie ist nur so gespickt von Mystik und Legendärem von Heiligen, Königen und Fabelwesen zu deren Ehren überall im Land Gotteshäuser entstanden. Historikern und Archäologen fällt es schwer Wahrheit von Legende zu trennen und eine reale Geschichte zu rekonstruieren. Schriftstücke sind rar gesät, weil über die Jahrhunderte abhanden gekommen oder von neuen Herrschern vernichtet, um ihre eigene Macht zu legitimieren. Die einzigen verbliebenen Belege sind die Kirchen wie die Abuna Yemata, die Einblicke in die Kirchenhistorie ermöglichen.

Betrachtet man die Malereien in ihrem Innern genauer und vergleicht sie mit denen aus anderen Kirchen des Landes, dann lassen sich vermeintliche Rückschlüsse in die Vergangenheit ziehen. Die neun abgebildeten syrischen Heiligen sind mit Turbanen gezeichnet, wie sie vom Klerus vermehrt getragen wurden nach der Ausbreitung des Osmanischen Reiches nach dem 15. Jahrhundert. Ein Indiz dafür, dass die Kirche erst zu dieser Zeit entstand? Dem gut erhaltenen Zustand der Zeichnungen zufolge kann die Kirche nicht 1500 Jahre alt sein. Zumindest nicht ihre Bildnisse, aber Antworten auf diese Fragen wird ein Besuch in den Felsenkirchen Äthiopiens nicht liefern. Vielmehr lasse ich mich verzaubern, von der Wirkung des Gebäudes und der tiefen Religiosität, die auch heute noch in seiner Aura zu spüren ist.

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Zum Sundowner in der Gheralta Lodge mit wunderschöner Aussicht | Foto: Christian Sefrin

Beim abendlichen Cocktail zurück in der Gheralta Lodge tausche ich mich mit den Gästen über weitere Kirchenbesuche aus. Die Geschichten sind unerschöpflich, während ich von einem unvergleichbaren Kletterabenteuer zu berichten weiß, hatten andere die Gelegenheit Jahrhunderte alte Manuskripte zu sehen oder bestiegen die höchsten Tafelberge der Region zu den dortigen Kirchen mit Fernsichten in die zweihundert Kilometer entfernte Gebirgskette des Simien Höhenzuges.

Morgen ist der 7. Januar, der Tag des äthiopisch orthodoxen Weihnachtsfestes und ab fünf Uhr in der Frühe erwachen die Kirchen zu zeremoniellem Leben, wenn die Priester in einer langen Messe der Geburt Jesu Christi erinnern. Einen Anlass den ich mir nicht entgehen lassen möchte. Im nahen Tembien Massiv werde ich in der Abba Yohanni Felsenkirche den Gläubigen bei den Feierlichkeiten beiwohnen. Auf zu einem weiteren Abenteuer durch die Felsenkirchen in Tigray. Sicherlich nicht das letzte seiner Art!

2 Comments Add Yours

  1. Johannes Reinders

    Vielen Dank für den lebhaften Bericht.
    Mich interessiert nun, ob es zu den Kirchen dann auch die Gemeinden der Gläubigen gibt, die zum Godi kommen. Nicht nur ein paar Superfromme sondern von welchen Zahlen kann man da ausgehen ???
    Haben Sie irgendwo in Tigray auch nicht-orthodoxe Kirchen gesehen ? Und wenn ja, wo ???
    Wobei es mir nicht nur um die Gebäude geht sondern auch um die Menschen, die dazu gehören.
    Andere Frage : Wenn die Felsen durch Regen erodiert werden, von welchen Regenmengen sprechen Sie ? Wenn das Land so trocken ist, wie es aussieht, dann gibt es heute keine Erosion
    mehr, außer durch Wind. Welche Windgeschwindigkeiten gibt es ? Da die Stromversorgung
    vielfach mangelhaft ist, könnte man Windkraftwerke bauen, wenn der Wind stark genug ist.
    Danke für Ihre Antworten.

    Reply
    • sefrin

      Hallo!
      Danke für Ihren Kommentar. Äthiopien ist ein sehr frommes Land. Zu den Gottesdiensten gehen immer noch viele Menschen. Je nach Anlass und größe der Kirchengemeinde kann es stark variieren. Fest wie Weihnachten locken zehntausende Gläubige zu den Felsenkirchen von Lalibela.
      Es gibt in Tigray auch katholische Missionen beispilsweise in Adigrat oder weiter nördlich an der Grenze zu Eritrea. Diese jesuitischen Missionen stammen aus der Zeit als die Italiener in Äthiopien waren.
      Zum Regen: Tigray hat Regenmengen bis zu 1200 mm. Diese fallen aber verteilt auf nur wenige Monate in den Trockenzeiten. Das Foto ist während der Trockenzeit entstanden, deswegen ist es so trocken.
      LG,
      Christian

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