Wie die Eisenbahn nach Äthiopien kam

Die Geschichte der ersten Eisenbahn in Äthiopien ist eng verbunden mit Alfred Ilg, einem Schweizer Ingenieur der den äthiopischen Kaiser für seine Vision gewinnen konnte und die Dampflok ans Horn von Afrika brachte. Fast 100 Jahre danach verlieren sich die historischen Spuren im wirtschaftlich boomenden Äthiopien, doch einige wenige Denkmäler erinnern an diese einzigartige Ingenieursleistung.

Wer heute in Addis Abeba ankommt, landet auf dem neuen Flughafen, dem Bole International Airport. Nach ein paar Stunden Flug befindet man sich unmittelbar im Leben Äthiopiens. Addis Abeba profitiert derzeit ungemein vom fast 20 Jahre währenden Frieden im Land und mausert sich neben seiner wichtigen politischen Stellung, als Hauptsitz der Afrikanischen Union, auch immer mehr zu einem Mitstreiter als bedeutendstes Wirtschaftszentrum Ostafrikas. Als Alfred Ilg 1879 im Auftrag einer schweizer Firma nach Äthiopien gelangte, war Addis Abeba noch nicht einmal gegründet. Die Anreise erfolgte über mehrere Wochen über das Mittelmeer und das Rote Meer und dann weiter über Land durch die Wüstenregionen der Kolonie Französische Somaliküste, dem heutigen Djibouti und Abyssinien, welches sich damals gerade als Großreich formierte. Überall unterwegs lauerten Gefahren. Die Karawanentreks waren nicht nur der brütenden Hitze und Krankheiten ausgesetzt, sondern mussten sich auch vor Wegelagerern in Acht nehmen, die nicht unbedingt für ihre Gastfreundschaft bekannt waren. Vielleicht war es schon dieses Abenteuer, welches Ilg auf die Idee brachte mit welchen Erleichterungen es verbunden wäre, die Eisenbahn auch in diese entlegene Weltregion zu bringen.

Ilgs Vision benötigte aber noch viele Jahre bis sie Gehör finden sollte. Stattdessen tat er sich schwer um die Gunst des äthiopischen Kaisers Menelik II. zu werben. Wie viele Westler vor ihm wurde sein Erscheinen am Hofe skeptisch gesehen und man vermutete in ihm eher einen Spitzel, der den letzten nicht kolonialisierten Staat Afrikas für die Kolonialmächte ausspionieren sollte. Doch mit seiner Profession als Ingenieur sollte er zu einem wichtigen Berater des Kaisers werden. Dieser stand vor der Neugründung seiner neuen Hauptstadt Addis Abeba und fachkundiges Ingenieurswissen war selten in Äthiopien. Ilgs Fachwissen fand jedoch häufig Missverständnis bei Menelik. Ein erster Entwurf einer Brücke, die Ilg für den Kaiser entwarf und ihn ihm als Muster präsentierte zerschlug der Kaiser mit den Fäusten. Weil diese Brückenkonstruktion scheinbar nicht stabil genug war, weil Sie dem Faustschlag des Kaisers nicht stand hielt, musste Ilg ein neues Konzept für die Brücke entwerfen. Diese und ähnliche Barrieren machten Ilg sein Ankommen am Horn von Afrika nicht leicht.

Doch des Kaisers Gunst stieg mit jedem erfolgreichen Projekt. Ilg verlegte die erste Wasserleitung des Landes und hatte 1896 maßgeblichen Anteil am Sieg gegen die Italiener in der Schlacht von Adwa, da die wehrfähigen Waffen der Äthiopier aus seinen Waffenschmieden stammten. Langsam fanden seine Ideen Gehör und verschafften ihm engen Zugang zum kaiserlichen Hofe. Ab 1897 wurde Ilg zum Beauftragten für den Eisenbahnbau von Djibouti nach Addis Abeba in enger Zusammenarbeit mit der französischen Kolonialregierung Djiboutis. Ein Bauvorhaben, welches Ilg initiierte und welches bis spät nach seinem Tode im Jahre 1916 noch nicht vollendet sein sollte.

Knapp zwanzig Jahre dauerte es nach dem ersten Spatenstich im Oktober 1897 bis am 17. Juni 1917 die 784 Kilometer lange Bahntrasse zwischen Djibouti und Addis Abeba eröffnet wurde. Das gelbe Bahnhofsgebäude in Addis Abeba wurde allerdings erst 1929 fertiggestellt. Fast 100 Jahre prägte diese Eisenbahnlinie die Geschichte Äthiopiens und seiner Hauptstadt, bevor sie im Jahre 2008 vollständig stillgelegt wurde. Zuletzt fuhren auf der maroden Strecke nur noch vereinzelt Personen- und Güterzüge und die Spuren des weißen Abyssiniers Alfred Ilg verirren sich im Chaos der Großstadt Addis Abeba. Die alten Bahnhofsgebäude dienen als Unterstände und veröden vor sich hin, die Trasse ist überall im Land überwuchert von Büschen und Gras und in Addis dient der Grünstreifen der alten Linie den Bewohnern als Fläche für Gemüseanbau.

Debebe Kasa ist Bahnhofsvorsteher in Addis Abeba und einer der wenigen Augenzeugen, die die Chemin de Fer Djibouto-Ethiopien mit seinen Geschichten wiederbeleben kann. Derzeit gibt es wenig zu tun für die alten staatlichen Eisenbahner. Sie verbringen ihre Zeit im Eisenbahnerklub beim Boule spielen. Hier spricht man noch Französisch ganz wie in alten Zeiten. Debebe, ein kleiner quirliger Äthiopier arbeitet seit 25 Jahren bei der Eisenbahn. Mit seiner lebendigen Art erinnert er ein bisschen an Luis de Funès. Debebe ist ganz und gar Eisenbahner. Seine Welt dreht sich alleine darum. Er ist ein wahres Lexikon zur Eisenbahngeschichte Äthiopiens. Während einer Bahnhofsbesichtigung zeigt er seinen Besuchern die alten Wagons Haile Selassies, die einst von Königin Elisabeth von Großbritannien geschenkt wurden. Er plaudert schmunzelnd aus dem Nähkästchen, dass der Kaiser ein Verhältnis mit der Königin gehabt haben soll oder dass eigens für den Staatsbesuch von Charles de Gaulle ein Bahnhofshotel mit großem Bett gebaut wurde, da die Betten in den Wagons zu kurz waren.

Mit ihm erwacht der Bahnhof wieder zum Leben. Leere und verrostete Passagierwagons füllen sich wieder, auf den Plattformen quetschen sich die Passagiere der dritten Klasse in die überfüllten Wagons, während man in der ersten Klasse schon diniert. In alten Maschinenhallen wird fleißig geschraubt, damit der Zug doch noch rechtzeitig losfahren kann. Man fühlt sich zurückversetzt in die Epoche der Eisenbahn als man noch tagelang durch die Wüste bis nach Addis reisen musste. Glücklicherweise ist es vorerst gelungen durch das Engagement einiger Anwohner und der UNESCO diesen historischen Ort im Herzen der Hauptstadt vor dem Abriss zu bewahren und ein Stück äthiopischer Geschichte zu bewahren.

Fast auf den Tag genau 100 Jahre nach der Eröffnung der ersten Trasse in Äthiopien setzt sich die Geschichte der äthiopischen Eisenbahn nun fort. Eine neue Schnelltrasse von Addis Abeba nach Djibouti ist seit Oktober 2016 eröffnet und weitere Streckenkilometer durch das gesamte Land sind im Bau. Ganz nach den Zielen und Ideen Alfred Ilgs wird die Eisenbahn ein Jahrhundert nach seinem Tod wiederbelebt  und bekommt erneut die Chance eine Epoche neuer Mobilität in Äthiopien einzuleiten.

Weitere Relikte der Eisenbahnhistorie finden sich in Ostäthiopien und lassen sich prima besichtigen in einer Kombination mit anderen Sehenswürdigkeiten. Am Bahnhof von Awash lässt sich etwa im alten Kaiserbungalow übernachten und der nahe gelegene Nationalpark lädt zu einer Safari ein. Oder ein Abstecher von der muslimischen Stadt Harar nach Dire Dawa, welches im Zuge des Eisenbahnbaus entstand und mit seiner geplanten Stadtstruktur überrascht.

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